Die Gadorosi-Millionen

Beraterverträge im BMI – und warum es niemanden kümmert

Eigentlich könnte es uns allen egal sein, dass ein einzelner Freiberufler seit Jahren Millioneneinnahmen aus ‚Beratertätigkeit‘ mit dem Bundesinnenministerium (BMI) generiert. Aber es geht nicht nur um ihn – es geht um ein System.

Gestern Abend berichtete Reschke Fernsehen über undurchsichtige Beraterverträge in Bundesministerien. Einer der Stars dieses Beschaffungsdramas: Holger Gadorosi. Offiziell ist er „Gesamtprogrammleiter“ für Polizei 2020, das Prestigeprojekt des BMI zur Digitalisierung der Polizei. Grandioser Titel, grandioses Scheitern – denn auf konkrete Ergebnisse? Wartet man seit Jahren!

Aber nicht nur das Projekt ist bemerkenswert, sondern auch die Art, wie Gadorosi seit Jahrzehnten an Millionenaufträge kommt. Und warum es auch im jüngsten Fall „keinen Wettbewerb gibt“ – angeblich „aus technischen Gründen“.


Ein Mann, viele Millionen – und kein Wettbewerb

Reschke TV wiederholte gestern im Kern das, was wir auf POLICE-IT seit Jahren schreiben:

Gadorosi ist ein Dauerauftragnehmer des BMI – von INPOL-Neu in den 2000ern über Netze des Bundes bis hin zu Polizei 2020.


Der Bundesrechnungshof kritisiert seit Jahren, dass IT-Projekte des BMI schlecht gemanagt werden – und dass wenig bis nichts dabei herauskommt.


Gadorosi erhielt seine Aufträge ohne Ausschreibung, da„der Auftrag nur von einem bestimten Unternehmen erbracht werden kann, weil aus technischen Gründen kein Wettbewerb vorhanden ist“ (so die vergaberechtliche Begründung des BMI).

Aber hier wurde es im TV-Beitrag interessant:

Welche technischen Gründe? Die Frage wurde nicht gestellt.

Gab es wirklich keinen Wettbewerb? Auch nicht gefragt.

Wieso wurde neben Gadorosi noch ein zweiter Berater ins Boot geholt – Gerald Eder ein Beamter vom Bayerischen LKA – wenn es doch angeblich nur EINEN geeigneten Anbieter gibt? Keiner fragte nach.

Kurz gesagt: Reschke TV kratzte an der Oberfläche – aber ans Eingemachte ging es nicht.


Was steht wirklich in den Vergabeunterlagen?

Dei Vergabeunterlagen liegen uns aufgrund einer Informationsfreiheitsanfrage seit fast fünf Jahren vor, FragDenStaat hat sie nun veröffentlicht, die Reschke-Redaktion kennt sie also. Diese Unterlagen zeigen:

An der angeblichen „technische Alternativlosigkeit“ des Holger Gadorosi ist nichts dran:

  • EIN großes IT-Projekt operativ steuern,
  • fachliche und technische Gesamtanforderungen zusammenführen,
  • Beratungsleistungen erbringen „nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik, insbesondere zu agilen Projektmanagementmethoden“;
    Projekt-, Budget- und Ressourcenplanungen,
    zielgerichtete Koordination von internen und externen Ressourcen,
    zielorientierte Planung der personellen, infrastrukturellen und technischen Ressourcen,
  • an verschiedensten Sitzungen und Veranstaltungen teilnehmen,
  • Projektinhalte an Mitarbeiter des BKA und des BMI transferieren …

das sind Standardanforderungen an einen erfahrenen IT-Projektleiter.

Vertan war auch die Chance mal die Frage zu stellen, ob

  • „grundsätzliche Kenntnisse des BKA, des BMI und der Verwaltungsstrukturen in den Ländern“ oder
  • „hohes organisatorisches Geschick“,
  • die „Kompetenz im Umgang mit politischen Stakeholdern“,

tatsächlich zu außerordentlichen – sozusagen – einzigartigen technischen (?) Fähigkeiten gehören, wie es in den Vergabeunterlagen vom BMI dargestellt wird.


Vergabepraxis im BMI – Das System hinter den Millionen

Der eigentliche Strippenzieher ist ein Abteilungsleiter im BMI, der über den Polizei-IT-Fonds bestimmt. Millionenbeträge werden hier für Beratungs- und Unterstützungsleistungen verteilt – und Gadorosi ist nur ein Beispiel für ein größeres Problem.

Die Fragen, die im TV nicht gestellt wurden:

Warum scheitern so viele große IT-Projekte des BMI?

Wieso schert sich das BMI seit Jahrzehnten nicht um die wiederkehrende Kritik an seinem IT-Projektmanagement? Since we can?!

Und vor allem: Warum sind Deutschlands Polizei-IT-Systeme nach 20 Jahren immer noch nicht in der Lage, zeitnah bei Bedarf Informationen miteinander zu teilen?

Denn das ist die eigentliche Tragödie:

Während Millionen für Berater ohne Ausschreibung ausgegeben werden, gibt es immer noch keinen funktionierenden bundesweiten polizeilichen Informationsaustausch. Die Digitalisierung der Polizei ist ein Dauerprojekt ohne Ziel – aber mit satten Beraterhonoraren.


Reschke TV und die vertane Chance

Dass Reschke Fernsehen über diese Praktiken berichtete, war gut. Aber es hätte besser sein können.

Kein Wort darüber, dass Millionen an Gadorosi & Co. geflossen sind, ohne dass bisher dafür ein dem entsprechendes greifbares Ergebnis sichtbar wurde.
Keine Frage danach, warum sich die Vergabepraxis und das Projektmanagement des BMI trotz viel-jähriger Kritik nicht ändern.
Kein Nachhaken bei der absurden Begründung der „technischen Alternativlosigkeit“ und des angeblichen fehlenden Wettbewerbs.

Vielleicht war der BMI-Abteilungsleiter Bürger – der in einem anderen Zusammenhang im Beitrag erwähnt wurde – das Maximum an interner BMI-Kritik, das die Redaktion an einem Abend wagen wollte oder konnte.

Aber eine Frage bleibt offen:Wie lange kann sich das BMI dieses Spiel noch leisten – und wie lange noch geht das auf Kosten der inneren Sicherheit?


Wenn Sie mehr wissen möchten über diesen unverantwortlichen Umgang mit Innerer Sicherheit

In der Kakophonie des Nichtwissens zeigen wir – am Beispiel des Anschlags von München – auf, wie es mit dem „Informationsaustausch“ in der Praxis aussieht.

Im Polizeilichen Informationsaustausch und dem Anschlag von Magdeburg führen wir Ihnen den aktuellen Status vor Augen und die Prioritäten, die in der „digitalen Transformation“ der polizeilichen IT tatsächlich verfolgt werden – etwas, das mit dem BMI und dem Projekt P2020 viel zu tun hat.

Über die Hintergründe zu Holger Gadorosi und seinem Wirken in BMI-finanzierten Projekten gibt’s mehr als eine Seite Beiträge auf POLICE-IT

Das Bundesinnenministerium und seine IT-Projekte ist ein Thema auf Police-IT, den WIR uns nicht ausgesucht haben. Es sind die wiederkehrenden Skandalmeldungen, die das Thema zum Dauerbrenner machen.


Copyright und Nutzungsrechte

(C) 2025 CIVES Redaktionsbüro GmbH
Sämtliche Urheber- und Nutzungsrechte an diesem Artikel liegen bei der CIVES Redaktionsbüro GmbH bzw. bei dem bzw. den namentlich benannten Autor(en). Links von anderen Seiten auf diesen Artikel, sowie die Übernahme des Titels und eines kurzen Textanreißers auf andere Seiten sind zulässig, unter der Voraussetzung der korrekten Angabe der Quelle und des/der Namen des bzw. der Autoren. Eine vollständige Übernahme dieses Artikels auf andere Seiten bzw. in andere Publikationen, sowie jegliche Bearbeitung und Veröffentlichung des so bearbeiteten Textes ohne unsere vorherige schriftliche Zustimmung ist dagegen ausdrücklich untersagt.